Griff in des Kaisers Mottenkiste

Kaiser Wilhelm auf hohem Ross vor dem Rathaus? Bitte nicht. Im „Hamburger Abendblatt“ schaltet sich der Politologe Hans J. Kleinsteuber heute in die Debatte um die Neugestaltung des Rathausmarkts ein. Angestoßen wurde diese unlängst durch die Handelskammer.

Der oft bemängelten Schlichtheit und Leere des Platzes setzt der Politikwissenschaftler den Wunsch nach historischer Aufladung entgegen. Der Impulsvorschlag entpuppt sich allerdings als Griff in des Kaisers Mottenkiste: Denn ausgerechnet den deutschen Reichsgründungsregenten Wilhelm I. (1797-1888) hievt der Vorschlag auf einem Reiterstandbild in den Sattel. Die Folge wäre eine zweifelhafte Verkitschung der bereits bestehenden Denkmalssichtachse – die dem Autor wahrscheinlich verborgen blieb. Denn auf dem Rathausplatz steht neben dem alsterseitigen Barlach-Relief von 1931, welches an die zivilen Opfer des Ersten Weltkriegs erinnert, auf gegenüberliegender Marktseite das Heine-Denkmal. Es wurde 1982 enthüllt und zeigt den von Deutschnationalisten verschmähten Dichter und Denker des 19. Jahrhunderts in nachdenklicher Pose.

Ein deutscher Kaiser, der von 1871 bis 1888 mit seinem Reichskanzler Otto von Bismarck für die Kolonialisierung Deutschostafrikas, Deutsch-Südwestafrikas, Togos und Kameruns verantwortlich zeichnete,  würde mit seiner militaristischen und großdeutsch-nationalistischen Grundhaltung einem zeitgemäßen Erinnern zwischen Barlach und Heine widersprechen.

Wollen wir den Rathausmarkt wirklich aufwerten und ihm eine historische Aufladung geben? Dann gilt es, die bestehende Sichtachse aus Barlach-Stele und Heine-Denkmal zu stärken. Der Vorschlag, hier einen deutschen Kriegs- und Kolonialkaiser hoch zu Rosse aufzustellen, ist eine nette Provokation und sicher nicht Mehrheitsfähig. Ein ernst gemeinter Vorschlag kann das nicht gewesen sein. Das Reiterstandbild von Wilhelm I. steht in Planten un Blomen derzeit ganz gut.  


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1 Kommentar

Liebe Katharina,

lies mal den Blobeitrag von Johannes Lichdi aus Dresden - da gibt's das gleiche Thema. Nur steht in der sächsischen Königststadt sowieso kein Heine an zentraler Stelle.

Da sollte HH doch seine Unterschiede als F-HH bewahren. Den Reichskanzler vor's Rathaus zu rücken, wäre ein falsches Signal.

Mit herzlichem Gruß
Katharina - jetzt aus Chemnitz