Hilfen zur Erziehung: Großer Andrang bei Expertenrunde im Rathaus
21.10.2011In letzter Minute musste noch ein größerer Raum gewählt werden: Fast 100 Interessierte sind am Dienstagabend unserer Einladung zu einem Fachgespräch über die Weiterentwicklung der Hilfen zur Erziehung gefolgt. Wohin steuert der Senat? Diese Frage bewegt nicht nur die Fachöffentlichkeit. Kein Wunder, denn die Sozialbehörde zieht es vor, über die Jugendhilfeträger anstatt mit ihnen zu sprechen. Der Abteilungsleiter der Sozialbehörde, Herr Dr. Hammer, war daher sichtlich um Schadensbegrenzung bemüht und kündigte an, jetzt den Dialog mit den Betroffenen zu suchen. Schließlich sei noch nichts beschlossen worden. So weit, so gut.
Er ließ aber keinen Zweifel daran, dass die Sozialbehörde einen echten Paradigmenwechsel bei den ambulanten Erziehungshilfen vollziehen will. Man wolle den Blick auf Probleme verändern. Derzeit sei es bundesweit reiner Zufall, in welches Hilfesystem Familien geraten. Aber an der Frage, ob Gruppenangebote im Stadtteil Vorrang haben sollten, vor dem Hausbesuch von Familienhelfern scheiden sich nach wie vor die Geister. Das zeigte auch die Diskussion.
Den meisten Applaus erhielt ein Diskussionsteilnehmer für die Feststellung, dass das Papier der A-Staatssekretäre, das immerhin federführend in der Hamburger Sozialbehörde verfasst wurde, nun wirklich „Murks“ sei. Darin waren die freien Träger massiv kritisiert worden. Unter anderem wurde ihnen unterstellt, dass ihre starke Stellung das Hilfesystem so teuer mache und die Hilfen vielerorts ins Leere liefen. Womit wir bei einer zentralen Frage des Abends angekommen waren. Was wissen wir eigentliche – empirisch fundiert – über die Wirksamkeit der Erziehungshilfen? Unter welchen Bedingungen können Hilfen gelingen, unter welchen Bedingungen müssen sie scheitern? Martin Apitzsch vom Diakonischen Werk Hamburg stellte in diesem Zusammenhang die These auf, dass die „Billighilfen“, also Hilfen mit sehr geringem Stundenumfang und kurzer Verweildauer wenig Effekte erzielten. Die Zahl solcher Hilfen habe aber in den letzten Jahren stark zugenommen. Die ausschließliche Orientierung an Wettbewerb und Preis sei für das System nicht hilfreich.
Ich nehme aus der Diskussion mit, dass Hamburg bei der Wirkungsmessung noch am Anfang steht. Hier sehe ich Sozialbehörde und Träger in der Verantwortung, die bundesweit vorhandenen Instrumente für eine wirkungsorientierte Jugendhilfe auch in Hamburg anzuwenden. Wir müssen weg kommen von „gefühlter“ Steuerung, hin zu einer datenbasierten Steuerung. Dreh- und Angelpunkt für die Steuerungsprozesse sind die Jugendämter in den Bezirken. Wir werden nicht umhin kommen, die Personalausstattung und Qualifizierung der Mitarbeiter in den Allgemeinen Sozialen Diensten noch einmal genau unter die Lupe zu nehmen. Darin waren sich die Anwesenden sehr einig. Offenbar ist auch der Sozialbehörde bewusst, dass der Umsteuerungsprozess mit der Personalsituation in den Jugendämtern steht oder fällt. Ob dieser Erkenntnis konkrete Schritte zur Verbesserung der Arbeitssituation folgen, wird sich wohl erst in den kommenden Monaten zeigen.
Ich denke, die Veranstaltung war insgesamt ein Erfolg – vor allem weil sie der Fachöffentlichkeit eine Plattform für den Austausch bot. Ich habe mich über die zahlreichen Anregungen und Fragen gefreut. Die Leitfrage des Abends, wohin der Senat tatsächlich steuern wird, konnte aber nach der zweistündigen Diskussion noch nicht eindeutig beantwortet werden. Zu groß ist der Widerspruch zwischen den mündlichen Versicherungen und schriftlichen Verlautbarungen aus der Sozialbehörde. Es ist aber richtig, die Diskussion über die Effizienz und Effektivität von Erziehungshilfen zu führen – vor allem für diejenigen, die auf die Wirksamkeit der Hilfen im Alltag dringend angewiesen sind.
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